Das Gößnitztal: Von (Block-)Gletschern, Gebirgsspinnen und Karseen

Das Gößnitztal in Heiligenblut kann viel erzählen: von seiner Entwicklung seit der letzten Eiszeit, über die jahrhundertelange Nutzung der Almen oder durch den Goldbergbau bis hin zu seinen Lebensräumen und der Artenvielfalt. Die „Gößnitz“ ist mit 9 km das längste Tal der Schobergruppe und war bis 2005 nur zu Fuß über einen uralten, gepflasterten Steinweg erreichbar. Das typische Hängetal mündet mit einer 350 m hohen Steilstufe, davon 100 m als imposanter Gößnitzwasserfall, in das obere Mölltal. 1995 wurde bei diesem Wasserfall ein für die Wissenschaft neuer Weberknecht - der Subalpine Schwarzrückenkanker - entdeckt. Der Gößnitzbach weist eine Länge von 11,2 km und ein Einzugsgebiet von 39,5 km² auf und ist in seinem gesamten Verlauf naturbelassen.

Nationalpark Hohe Tauern

Noch in den 1980er-Jahren sollte das Wasser der Gößnitz in den geplanten Dorfer-Tal-Stausee nach Osttirol abgeleitet werden. Das Gößnitztal in der Schobergruppe ist seit 1981 Teil des ältesten und größten Nationalpark Österreichs, dem Nationalpark Hohe Tauern. So fließt das Wasser des Gößnitzbach auch heute noch von seiner Quelle oberhalb der Elberfelder Hütte mehr als 11 km lang bis zur Mündung in die Möll.

Almwirtschaft im Gößnitztal

Der Name Gößnitz leitet sich vom slowenischen Wort für Ziege - koza - ab und hebt die almwirtschaftliche Bedeutung des Tales hervor. Pollenanalysen von Mooren im Gößnitztal zeigen, dass hier schon vor 2.000 Jahren Almwirtschaft betrieben wurde. Im vorderen Bereich der Gößnitz befinden sich mit Bruchetalm, Wirtalm, Innerer und Äußerer Ebenalm und der Malesischkalm kleinere Almen, die gut nutzbar sind. Im mittleren und hinteren Bereich befindet sich die Gößnitzer Ochsenalm. 25 % der Fläche des Gößnitzales werden auch heute noch almwirtschaftlich genutzt.

Von Gletschern und Karseen

Das Gößnitztal ist ein typisches durch Gletscher und Wasser geformtes Tal in der Schobergruppe. Die etwa 400 km² große Schobergruppe mit circa 50 Dreitausendern ist durch schroffe und spitze Gipfel gekennzeichnet. Die 25 Gletscher dieser Gebirgsgruppe nehmen eine Fläche von ca. 2,5 km² ein. Damit sind derzeit weniger als 1 % der Schobergruppe vergletschert. Vor 25.000 Jahren waren es noch 95 %, vor 12.500 Jahren 21 % und 1850 nur mehr 3 %. 63 Bergseen prägen das Bild der Schobergruppe. Landschaftlich besonders schön ist der Höhenweg im Gößnitzal von der Elberfelder Hütte zur Wirtsbaueralm mit den drei Langtalseen.

Permafrost und Blockgletscher

Der Begriff Permafrost – die Temperatur im Untergrund beträgt hier ganzjährig 0 °C oder weniger – ist in Zeiten des Klimawandels in vieler Munde. In den Hohen Tauern sind etwa 12 % der Fläche betroffen, wobei Permafrost von verschiedenen Komponenten abhängig ist: z.B. klimatische Faktoren (Lufttemperatur, Einstrahlung), topografische Einflüsse (Himmelsrichtung, Hangneigung) oder lokale Aspekte (Vegetation, Schneebedeckung). Das Auftauen des Permafrostes und die Dynamik der Blockgletscher sind vor allem in den Hohen Tauern charakteristische Naturprozesse und stehen trotz der Gefahren und Risiken für die Ursprünglichkeit der Natur im Nationalpark. Blockgletscher sind die markantesten Permafrosterscheinungen im Hochgebirge: eine Anhäufung aus Schutt und Fels wird durch gefrorenes Wasser zusammengehalten. Aktive Blockgletscher bewegen sich mit durchschnittlichen Bewegungsraten im Bereich von wenigen Zentimetern bis mehreren Metern pro Jahr der Schwerkraft folgend hangabwärts. In der Schobergruppe gibt es 126 Blockgletscher. Der Blockgletscher Hinteres Lanktalkar im Gößnitztal wird seit 20 Jahren von Grazer Wissenschaftlern untersucht und überwacht. Auffallend ist, dass die Bewegungsraten der Blockgletscher zunehmen. So wurde beim Blockgletscher Hinteres Lanktalkar im Jahr 2015-2016 die höchste je gemessene Fließgeschwindigkeit von 9,83 m/Jahr verzeichnet.

Was kreucht und fleucht im Gößnitztal

Nur 1,5 % der Arten in Österreich sind Wirbeltiere, 54.000 Arten in Österreich sind wirbellose Tiere. Im Gößnitztal wurden die Wirbellosen bereits vor mehr als 20 Jahren genauer unter die Lupe genommen. Im Jahr 1995 machte sich in Heiligenblut in Kärnten ein Forscherteam auf die Suche nach Spinnen, Heuschrecken & Co. Es fand 316 verschiedene Arten, darunter einen bisher unbekannten Weberknecht. Mehr als 20 Jahre später wird die versteckte Artenvielfalt im Gößnitztal wieder erforscht.

Ausgerüstet mit Keschern, Barberfallen und Bodensieben waren Christian Komposch und sein Team 2017 im Gößnitztal unterwegs. Eine Herausforderung dabei war, exakt jene Flächen wiederzufinden, die 1995 untersucht wurden. Insgesamt 33 Personentage im Gelände, acht Bodensiebproben, 80 Barberfallen, 50 Kescherproben, 75 Handfänge: das ist die eindrucksvolle Bilanz. Derzeit werden die Proben sortiert und die verschiedenen Arten bestimmt, eine aufwändige und schwierige Arbeit. Weil die Erhebungen (z. B. Barberfallen) standardisiert sind und durch dasselbe Forscherteam erfolgen, sind fundierte Aussagen zu den Veränderungen der Lebensräume und der tierischen Lebensgemeinschaften im Gößnitztal möglich. Die Auswertungen werden zeigen, ob es in den letzten 20 Jahren zu lokalen Aussterbeprozessen oder zur Verschiebung der Höhenverbreitung gekommen ist.

Fotos: Christian Komposch und NPHT/Katharina Aichhorn

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